Der Color-Pabst von Leipzig

Alain Prost im McLaren Formel 1 – fotografiert auf ORWOCOLOR NC 21

Auf meine Frage hin: „Sie haben viel mit Farbfilm fotografiert?“ sah mich Hannes Bemme etwas verwundert an und meinte nur: „Ich habe nur Farbfotos gemacht!“. So begann das Gespräch, zu dem mich der Leipziger Fotograf vor ein paar Wochen eingeladen hatte. Was folgte, war eine Kurzfassung von dem, was man ein erfülltes Leben nennen kann.
Zunächst kämpfte Bemme darum, eine Gewerbeerlaubnis in der DDR zu bekommen. Er wollte ein Fotolabor aufmachen. Irgendwann erhielt er die Erlaubnis und hatte ein Farbfoto-Labor, das einzige in Leipzig und wohl auch sonst weit und breit. Damit hatte er alle Betriebe im Großraum Leipzig als Kunden. Er war Hausfotograf der Stadt Leipzig und der Messegesellschaft. Zudem war er Dozent an der Technischen Hochschule in Leipzig für die Fotografenausbildung. Bemme erzählte weiter: so war er auf der Leipziger Messe immer der Erste, der seine Fotos nach dem Rundgang Honeckers anbieten konnte, da die Fotografen der Nachrichtenagenturen zur Bildentwicklung erst nach Berlin mussten; da hatte er schon seine Bilder verkauft. So verdiente er gutes Geld, auch wenn man dagegenrechnet, dass damals ein Farbfilm 8,00 DDR-Mark und ein DIA-Film 12,00 DDR-Mark kostete, die Bildentwicklung natürlich extra. Später, so sagte er, wollte er mal sein Archiv katalogisieren, doch dann brannte sein Fotogeschäft mit den vielen unwiederbringlichen Zeitzeugnissen aus.

Hannes Bemme

Sein Interesse für den Motorsport brachte ihm auch hier auf die Geschäftsspur. Er fotografierte im Auftrag des ADMV, verkaufte an Fahrer und Fans. Seine große Leidenschaft war der Rallyesport, aber auch Sachsenring, Schleiz und Frohburg waren im jährlichen Terminkalender. Mir bleibt der riesige Verkaufsstand in Frohburg in Erinnerung zwischen Stadtkurve und Stadtkreuzung – immer schön im Verhältnis 60% DDR-Fotos und 40% West-Bilder – oder anders herum!!?? Aber man ließ ihn gewähren. So wurde er 1986 zum einzigen DDR-Formel I-Fotografen, denn die DDR-Nachrichtenagenturen schickten keinen Mitarbeiter nach Ungarn. Er lernte Bernie Ecclestone, Ron Dennis und Konsorten kennen, die wohl damals mehr Interesse an Hannes Bemme zeigten als umgekehrt. Das Ziel hieß: Bemme bringt die Formel I in die DDR – in Form von Farbbildern. Und er startete durch. In einer Zeit, als sich die Meisten von uns anderen Sorgen widmeten, fotografierte er weiter. Somit sind historisch einmalige Bilder aus der Zeit von 1989-1995 vorhanden.

Dieses Logo zierte die Abzüge

Nun da er dem Berufsleben adé gesagt hat, verwirklicht er andere Pläne. Hannes Bemme zieht mit seiner Frau nach Florida, wo seine Tochter, die bei einer großen Personalberatungsgesellschaft tätig ist, ein Kind erwartet. Er wolle mir das schenken, was übrig ist, was nicht verbrannt ist, was den DDR-Motorsport von etwa 1980 an und später den „Neubeginn“ bis Mitte der 1990er Jahre zeigt. Dazu ein paar andere Nettigkeiten, wie einen Pokal von Ecclestone. Und er wolle mal wiederkommen und sehen, was aus seinen Bildern geworden ist und dass der Name „Hannes Bemme“ nicht vergessen wird, der steht doch für gute Fotos. Warum er das macht? Er habe bei meinem Vater Lothar Jordan noch etwas gut zu machen, damals 1972, als er doch noch am Sachsenring zum letzten Motorrad-WM-Lauf fotografieren durfte, obwohl von „Oben“ nur noch „Auserwählte“ zugelassen wurden…

Das Frohburger Dreieck in den 80er Jahren

PS: Es braucht bestimmt 1-2 Jahre, um die etwa 20.000 Negative zu katalogisieren. Nicht alle Fotorollen sind gekennzeichnet und einige müssen in mühevoller Arbeit Strecken und Jahren zugeordnet werden. Ich freue mich auf diese Arbeit. Und danke Hannes!

Mike Jordan

Mike Jordan

mikejordan@motorrennsportarchiv.de

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Na klasse, da hat er letzten Endes doch noch Lorbeeren geerntet… Glücklich sind die, die nicht bei ihm in die Lehre gingen!
    Abgesehen davon toller Beitrag!

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